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Liveliteratur

Tom de Toys, 31.7./1.8.2022

Von der echten analogen Liveliteratur zum digitalen Live-Literatur-Stream

Als Livelyrikperformer muss ich die 350 gewünschten Wörter für die Hamburger Veranstaltung* im Mai 2023 genau so improvisiert raushauen wie „echte“ Liveliteratur, dieser total mißverstandene Genre-Begriff, den ich 1993 in Köln einführte (tatsächlich, ich war es!), der aber sehr schnell zur Ankündigung aller normalen Lesungen inflationierte, weil er so sensationell gut klang, als würde es sich um das neue iPhone handeln, das man als erster ergattern will. Alles war plötzlich „live“ und einmalig, es gab zu der Zeit in der Kölner Kunstszene sogar die Idee vom VIDEOVERBOT (durch Hans-Jörg Tauchert von der Ultimate Academy), um Performances nicht zu dokumentieren, sondern nur als vergängliches Erlebnis in Echtzeit erfahrbar zu lassen. Wer die Aktionen also verpasste, konnte keine Konserve nachträglich zuhause konsumieren. Das Publikum nahm das amüsiert zur Kenntnis, ohne den visionären Ernst dahinter nachzuvollziehen. Gerade im Bereich der Performance-Kunst war ja Dokumentation eigentlich superwichtig, da berühmte Performer nur dank professioneller Foto-Reproduktionen in Kunstbänden und TV-Übertragungen (live oder/und als Doku) einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden konnten. Die berühmte blutende Nase von Joseph Beuys bei einem Aachener Fluxus-Event würde niemand mehr kennen, der nicht live dabei gewesen war, hätte nicht jemand das Foto geschossen! Die ganze Fluxus-Bewegung war ein einziges Live-Happening, die Vergänglichkeit war Programm! Und dann kam das Internet! Wetten, es gibt mittlerweile schon iFluxus und eHappening? Oder Performance4.0 und Gigapoetry? Ich selbst kaufte vor vielen Jahren die Domains iPoetry.de und ePoetry.de, aber ich stieß sie wieder ab; denn das erhöhte damals noch nicht den Verkauf von eBooks im Apple Store, in den diese Domains weiterleiteten. Seit diesem Jahr [2022] habe ich erstmals überhaupt ebenso (!) viele eBooks wie gedruckte Gedichtbände verkauft, also nicht während der boomenden Homeoffice-Ära der Coronakrise, sondern erst kurz danach. Ich hatte es schon beinahe aufgegeben, zumal viele derzeit von der Rückkehr zum echten Buch sprechen, nicht aus nostalgischen Gründen, sondern aus praktischen der besseren, leichteren und flexibleren Lesbarkeit. Umso erstaunter war ich bei der jüngsten Quartalsabrechnung meines Verlages, daß manche Bücher, die vorher schlecht liefen, auf einmal immer häufiger als digitaler Download gekauft wurden. Ok, dachte ich, machen wir damit also doch eine Weile weiter und beobachten die Entwicklung. Ob es ein nachhaltiger Trend ist oder nur einmaliger Zufall, wird sich irgendwann zeigen. Was meine Lesungen und Performances betrifft, habe ich ähnlich schwer analysierbare Erfahrungswerte. Meine allererste Homepage, das erste G&GN-Archiv unter GGN.de (im Wulle-Netzwerk) ging 1998 ans Netz, als ich gerade den Literatursalon im Berliner Kunsthaus Tacheles betrieb, und gewann damals die höchste Auszeichnung, den „Diamond Award“, einer Internet-Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, literarische Seiten im noch jungen Netz mit originellem visuellen Anspruch und hoher Komplexität (u.a. in bezug auf die Userfreundlichkeit der miteinander verlinkten Unterseiten) zu entdecken und zu würdigen. Aber diese erste Seite des G&GN-Institutes (seit 2006 @ www.G-GN.de) war wirklich nur ein statisches Archiv mit Gedichtbeispielen von all meinen 40 Pseudonymen, Terminankündigungen und Fotostrecken von dokumentierten Kunst- und Literaturprojekten. Dann kam das neue Jahrtausend und mit ihm entstanden YouTube, Twitter, Jimdo, TikTok und Instagram, es war die Geburtsstunde von Videodokus und Live-Streams im Internet! Plötzlich konnte man sogar den html-Quellcode von Videos und Audios auf den eigenen Webseiten „einbetten“, ohne IT-Spezialist sein zu müssen! Als dann die ersten Handys mit einigermaßen brauchbarer (aber noch ziemlich trashig verpixelnder) Kamera ausgestattet waren, begann ich 2009 meine MPC-Serie („Mobile Poetry Clips“) für die YouTube-Playlist @ www.Lyrikperformance.de mit einem total spontan rezitierten Liebesgedicht (dem 12.E.S.-Beispiel), als ich am Treptower Park unter der Brücke ein plätscherndes Ruderboot sah. Da dieses Gedicht zu den ganz wenigen meiner über 2000 Gedichte zählt, das ich auswendig kann, passierte es einfach, daß ich es rezitierte, während ich das Plätschern des Bootes filmte. Das war also sozusagen ein Selfiepoetryclip und ich hatte so viel Freude an dieser leichten, schnellen Mediatisierung, daß daraus die MPC-Serie entstand, deren mittlerweile 38. Video („QUANTENSPUCKE“) ich vor einigen Tagen produzierte. Wieder ein paar Jahre später archivierte ich die reinen Tonspuren einiger ausgewählter Clips zusätzlich auf SoundCloud.com @ www.LyrikLounge.de und bettete nun beide Versionen, Originalvideo und Audiofassung, auf meinen Homepagen ein. Was aber darüber hinaus auch noch ging, war eine Bereicherung, die mir in den 90ern fehlte: das Dokumentieren von ECHTER Liveliteratur (ohne ideologisches Videoverbot!) ohne großen technischen Aufwand. Während die frei improvisierten Texte meiner damaligen Auftritte nach ihrer Liveness wieder verloren waren, weil niemand daran gedacht hatte, eine Lesung zu filmen, weil ja auch niemand einfach so eine fette Filmkamera bei sich trug, hatte nun jede*r im Publikum sein/ihr endgeiles Endgerät dabei, um allen Followern auf den Socialmedia-Accounts zu beweisen, daß man tatsächlich vorort war, live bei einem Event, auf dem andere gerne wären und froh waren, dadurch nun auch indirekt mitzuerleben, was live und nur live geschah, nämlich ein echter liveliterarischer Prozess, also die Erfindung eines literarischen Textes mit poetischem Anspruch bei der „allmählichen Verfertigung der Gedanken“, um einmal Heinrich von Kleist zu zitieren als geheimen Vorreiter von echter Liveliteratur. Ich hatte bereits 2001 beim legendären Poetryslam im Berliner Bastard (organisiert von Wolf Hogekamp) die Erfahrung gemacht, daß die Leute von meinen Live-Impros wesentlich begeisterter waren als von den vom Blatt abgelesenen „richtigen“ Gedichten. Aber sie glaubten fälschlicherweise, ich würde einen bereits vorverfassten Text auswendig rezitieren. Der Buchhändler Max Pfeifer (vom Antiquariat Stimmenrausch), der unsere Publikate im Foyer auf einem Büchertisch anbot, kam einmal zu mir, nachdem ich tosenden Applaus erhalten hatte, und fragte mich, in welchem Heft der Text zu finden sei. Als ich ihm etwas irritiert antwortete, daß dieser noch in der Luft hängende Text schon wieder verpufft war, da er sich absolut live entwickelt und niemand gefilmt hatte, um ihn zu transkribieren, hielt er das zunächst für Prahlerei oder Hochstaplerei, da er den Text „zu gut“ gefunden hatte, um spontan auf der Bühne erfunden worden zu sein. Das wiederum motivierte mich, an die potenzielle poetische Qualität von liveliterarischen Prozessen zu glauben und zelebrierte diese fast schon paranormale/schamanische (weil telepathische) Technik daraufhin einige Monate lang auf diesem Slam. Auf die Spitze trieb ich diese Auftrittsstrategie dann 2010 bei dem Auftritt auf der Spree-Prinzessin (siehe www.LiveLyrik.de) im Rahmen des „48-Stunden-Neukölln“-Festivals mit meinem DR2-Trompeter, dem Neurophilosoph Dr. Marcus Klische: wir ließen uns offiziell unter einem Arbeitstitel ankündigen, aber wussten nicht, was geschehen würde. Zum Glück war uns das Wetter wohlgesonnen und die Stimmung der vor uns Sitzenden auf Deck des Ausflugschiffs war ebenfalls super, so daß ich sehr inspiriert war und „DAS KOSMISCHE URMONSTER“ live entwickeln konnte. Dank des beauftragten Handymitschnitts konnte der Text dann nachträglich transkribiert werden und ist in dem BoD-Heft „LETZTE RUNDE“ als richtiges offizielles Gedicht enthalten. Im gleichen Zeitraum (einige Wochen vorher) filmte jemand ohne meinen Auftrag einen Prosatext, während ich ihn live erfand: „DAS TAO DER POESIE“ @ www.Weltpoesie.de Ich hatte mich absichtlich an jenem Abend so aufgeführt, als handelte es sich um eine typische Lesung der Socialbeat-Bewegung der 90er, indem ich meinen „Text“ rauchend und Bier trinkend vortrug, was für mich völlig untypisch und wirklich einmalig war. Für den Filmmitschnitt bin ich bis heute unendlich dankbar, da es sich um eine faszinierende Geschichte handelt, die ich jedes Jahr traditionell am 1. Mai immer wieder und wieder auf den Socialmedia-Plattformen poste, da die brutalste/expressivste Textstelle der Live-Performance zum Thema hat, was Aliens vom „Tag der Arbeit“ auf dem Planet Erde halten. Die Materialität der Performance ist also überhaupt erst nachträglich dank ihrer Mediatisierung möglich geworden, während das eigentliche materielle Erlebnis des Abends im Drogenrausch unterging. Abschließend kann ich daher sagen, daß diese gesamte Entwicklung von den wilden 90ern der analogen Liveliteratur bis zur aktuellen digitalen Live-Literatur (MIT Bindestrich: NICHT live improvisiert, sondern nur Vorgefertigtes live gestreamt!), die ja gar keine echte ist, obwohl sie live stattfindet, meinen künstlerischen Werdegang als Lyrikperformer, Slamveteran und Sprechakrobat ziemlich geprägt hat. Ich bin in gewisser Weise dankbar, exakt in dieser Epoche auf der Schwelle zwischen WIRKLICH und VIRTUELL ein Aktivist der Lyrikszene gewesen zu sein. Ohne all diese verrückten Erfahrungen hätte ich wohl kaum diese Klarheit besessen, das 3. Offlyrikfestival 2017 von vornherein als multimediale Dokumentation zu planen. Mir war es bereits in der Planungsphase (ab 2015) so ziemlich egal, ob überhaupt Zuschauer/Zuhörer zum echten Event kommen würden, da meine Vision einen nachhaltigen Bildungsauftrag im „Digitalpakt“ erkannte, der sich dann 3 Jahre nach dem realen Abend unerwarteterweise dank Corona erfüllte: jetzt ist die Doku (bestehend aus YouTube-Videos, SoundCloud-Tonspur und den Texten) ein geprüfter Lehrstoff im PDF-Format, den das Schulministerium in seiner Bildungsmediathek für den Schulunterricht anbietet, siehe www.Schulgedichte.de Manchmal muss man eben warten, bis die Zeit und die Technik reif genug sind, um Visionen umzusetzen, die einen vielleicht jahrelang im Traum verfolgten. Wenn sie dann endlich realisiert sind, verschwindet der immer wieder und wieder wiederholte Live-Traum, weil er endlich „aufgezeichnet“, nämlich verwirklicht wurde. Ein bißchen fühle ich mich dann wie in einem Scifi-Movie, in dem Zeitreisen möglich sind. Mittlerweile lebe ich in mehreren Zeitschleifen parallel: es gibt Visionen, die in verschiedenen Zukünften eintreten, und andere, die bereits in der Vergangenheit liegen. Ich lebe „historisch“ abhakend und „hingebungsvoll“ abwartend zugleich. Mal sehen, was als nächstes passiert, ich lasse mich vom Leben überraschen….

*INSPIRIERT DURCH:

https://www.poetry-digital-age.uni-hamburg.de/en.html

Das Abstract vom 2.8.2022 basierend auf dem Essay @ https://digitalassistenz.wordpress.com/2022/08/02/liveness/

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Eine Antwort zu „Liveliteratur”.

  1. […] Das ABSTRACT (350 Wörter) vom 2.8.2022 basierend auf dem Essay „Von der echten analogen Liveliteratur zum digitalen Live-Literatur-Stream“ vom 31.7./1.8.2022 @ https://digitalassistenz.wordpress.com/2022/08/01/liveliteratur/ […]

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