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LIVENESS

„Es hat sich dahin entwickelt, daß die Ansprüche an die Texte immer niedriger wurden und das Sich-in-Szene-setzen (-das im negativen Sinne ‚Eventhafte‘-) in den Vordergrund gerückt ist. Auf einmal kriegt Jeder die Möglichkeit, auf einer Bühne mal für fünf Minuten der Held zu sein, fünf Minuten der Star zu sein. Und um der Star zu sein, nimmt man jeden Trend in Kauf. Und die Sprache ist Medienrummel, die Sprache ist Spektakel – nicht mehr lyrische Inspiration.“ De Toys, im WortSpiel-Interview mit DeutschlandRadio Kultur: „WENN LITERATUR ZUM EVENT WIRD“ (14.3.2000, Berlin)

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Das ABSTRACT (350 Wörter) vom 2.8.2022 basierend auf dem Essay „Von der echten analogen Liveliteratur zum digitalen Live-Literatur-Stream“ vom 31.7./1.8.2022 @ https://digitalassistenz.wordpress.com/2022/08/01/liveliteratur/

THE STREAM OF FLOW: YOUR LIVENESS LIKES MY LIVENESS

Der katerorische Unterschied zwischen improvisierter Liveliteratur (die gestreamt und dadurch dokumentiert werden kann) und vorgefertigt vorgetragener Live-Literatur (mit Bindestrich) bestand bereits vor dem Digitalzeitalter und beruht darauf, ob ein Lyrikperformer zur „allmählichen Verfertigung von Gedanken“ (Heinrich von Kleist) beim Sprechen fähig ist oder nur wie ein rezitierender Schauspieler auftritt. Die erste Verwendung des Begriffs Live-Literatur für Lesungen ist historisch dokumentiert als Terminflyer für Literaturperformances in der Kölner Discothek „Salute“ ab Juni 1994 von Autoren der Produzentenzeitschrift „SchmutzEngel“ des Herausgebers Tom de Toys als A.L.O.-Organ (Außerliterarische Opposition) im Rahmen der Socialbeat-Bewegung. In Anlehnung an den Begriff „Livemusik“ (der sowohl Songs als auch Jamsessions meint) sollte der performative Event-Charakter mit Entertainmentfaktor im Unterschied zur „Wasserglaslesung“ betont werden, die damals von der Undergroundliteraturszene abgelehnt wurde. Aber erst durch seine improvisierten Gigs bei Poetryslams unterschied De Toys ab 2000 zwischen Live-Literatur und echter Liveliteratur, die er fortan als FREE WORD JAM* bezeichnete, weil auch normale Autorenlesungen (am Tisch sitzend mit schlechter Stimme) sensationssuggestiv als „live“ angekündigt wurden. Für Spokenwordperformer ist die Dokumentationsfrage zwecks nachträglicher Umwandlung in Schriftliteratur schon vor dem Digitalzeitalter genau so wichtig wie bei Happenings der Fluxus-Bewegung: sollen vergängliche Ereignisse mit auratischem Wert nur in Echtzeit erfahrbar sein oder auch als mediale Konserve reproduzierbar und konsumierbar werden? Ist der Charme eines inspirierten Augenblicks überhaupt „einfangbar“ oder geht die Energie beim Versuch verloren, ihn festzuhalten? Würde ein Zenmeister Internetportale für Live-Streamings benutzen, die danach weiterhin abrufbar sind? Viele zeitgenössische „Weisheitslehrer“ tun es, damit ihre zukünftigen Schüler ebenfalls darin ihre Erleuchtung finden, nicht nur die anwesenden im Tempel… „der Musen“: Da Kunst und Literatur in einer säkularisierten Gesellschaft Ersatz für Religion darstellen, müssen sich zeitgemäße Performancekünstler fragen, wie ästhetische Rituale aufführbar sind, um deren Botschaften adäquat zu transportieren. Was das Dokumentieren von Liveliteratur betrifft, besteht der Unterschied zwischen analoger und digitaler Epoche lediglich im technischen Aufwand: Während Improvisationen bis Ende der 90er nach ihrer Liveness meist verloren waren, hat das Publikum heutzutage Handys dabei, um auf Socialmedia-Accounts mit ihrer eigenen Liveness zu prahlen – oder der Dichter filmt einen Selfiepoetryclip, um seine Follower zu vermehren.

*siehe dazu den Essay „Free Word Jam als ARATIONALER AUTOMATISMUS – Versuch einer Beschreibung eines paranormalen Sprechphänomens“ vom 8.7.2005 @ https://poemie.jimdofree.com/performances/free-word-jam/

De Toys 10.10.1993: „UTE UFERLOS“ Zyklus-Wasserglas-Lesung (c) R.Ploenes (Café Fleur, Köln)
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