Betreuungsalltag

„Ja, leider sieht so der Alltag in der Pflege aus und daran wird sich leider wohl auch so schnell nichts ändern, wenn es noch genug Leute gibt, die es als Arbeitnehmer aus verschiedensten Gründen mit sich machen lassen.“

Email vom 6.2.2020 der Arbeitsvermittlung, Bundesagentur für Arbeit, Düsseldorf

Tom Holzapfel, im September 2022 @ Betreuungsalltag.de

BESPAßUNG ODER BEGEGNUNG?

(VOM PASSIVIEREN, STATIONIEREN UND AKTIVIEREN ZWISCHEN MENSCH & MDK)

Drei Charakter-Tendenzen zertifizierter Betreuungskräfte gemäß §43b SGB XI für Senioren in Pflegeheimen lassen sich grob auseinanderhalten: Neurotische, Neutrale und Natürliche

1) NEUROTISCHE: Diejenigen, die aus Angst davor, etwas falsch oder zu wenig Dokumentierbares zu machen, die Bewohner doppelt „passivieren“, indem sie sich einerseits selber auf keine echte, interaktive Begegnung einlassen (durch aktiv-neutrales Zuhören und integrativ-validierende Rückfragen) und andererseits die brutale Bespaßung mit Beschäftigungsangeboten derart übertreiben, daß keine Ruhe zwischendurch einkehrt: sie überrumpeln die Bewohner mit Tischkegeln, zack zack, drei Runden, drehen danach willkürliche Radiomusik laut an, bis das Essen kommt, und spurten aus dem Saal zur neurotischen Zigarettenpause. Diese Art von falsch verstandener ÜBERBETREUUNG (die eigentlich eine skandalöse Unterbetreuung ist!) vernachlässigt nicht nur die aktuelle Tagesverfassung der Bewohner und die zu erspürende Gesamtstimmung, sondern unterlässt auch individuelle Biografiearbeit und damit die Ausgangsbasis einer bedarfsgerechten Betreuung. Solche Betreuer fürchten die typische „gerontologische Stille“ gemischt mit spontanen Äußerungen und arbeiten nur gegen ihre eigenen Urängste an. Sie üben definitiv den falschen Beruf aus, stehen oftmals kurz vor der Rente und haben kein Interesse an einer politischen Debatte über Visionen zur Verbesserung der Gesamtlage! Wenn Du diese Sorte Betreuer fragst, warum ein Bewohner isoliert in der Ecke sitzt, wirst Du nur hören: „Befehl der Pflegeleitung wegen Aggressionsrisiko!“ Beide, Pflegeleitung und Betreuungskraft, haben sich nie die Zeit genommen, um das herausfordernde Verhalten des Bewohners zu ergründen.

2) NEUTRALE: Diejenigen, die alles 100% richtig machen wollen, aber nicht mehr als die Pflichtkür erfüllen, da es ihnen an Empathie und Motivation mangelt. Sie arbeiten nach Vorgabe und Stechuhr, haken alles korrekt in der Doku ab, was getan werden musste, und machen pünktlich auf die Sekunde Feierabend. Am liebsten schieben sie die gesamte Gruppe vor den riesen Monitor und ziehen pro forma digitales Dalliklick als Gedächtnistraining im Eilverfahren durch, ohne auf die erweckten Assoziationen einzugehen, denn dafür reicht weder die Zeit noch ihr Nervenkostüm aus, von der Unfähigkeit zum Multitasking im Gruppengespräch ganz zu schweigen. Stattdessen lieben sie die Idee von 10-Minuten oder noch kürzeren Kurzaktivierungen, wissen nur das Nötigste aus der Biographie der Bewohner und stellen demenziell Veränderten geheuchelt gutgemeinte, inhaltlich falsche und zu viele Fragen, weil sie gar keine Antworten abwarten wollen, sondern die vielfältigen gesundheitlich und lebensgeschichtlich bedingten Kommunikationshürden der verunsicherten Menschen nutzen, um sofort wieder zur allgemeinen Tagesordnung überzugehen, nicht ohne mit tröstenden Sprüchen auf die Schulter zu klopfen: „Nicht wahr, Frau X, wir machen das schon!“ Diese neutral „stationierende“ STANDARDBETREUUNG ähnelt jenen unsensiblen Kollegen aus der Pflege, die aufgrund von Zeit- und Personalmangel wie Dampfwalzen über den Flur rollen, alles wortwörtlich im Hauruckverfahren erledigen und wieder verschwinden, bevor der Bewohner überhaupt den Mund vor Schreck öffnen kann. Sie glauben, die Weisheit für sich gepachtet zu haben und geben Dir das Gefühl, kein Profi zu sein, wenn Du damit anfängst, individuell bedarfsgerecht auf einzelne Bewohner einzugehen, die verzweifelt versuchen, mit Dir zu kommunizieren. Vorsicht: hier erwartet Dich Mobbing!

3) NATÜRLICHE: Diejenigen, die leider am seltensten vorkommen, aber am dringendsten benötigt werden, weil sie den Senioren den Tag versüßen und sie gar nicht spüren lassen, daß sie „betreut“ werden! Solche Betreuer brauchen weder Schränke voller Puzzle noch alte Bücher zum Vorlesen, sie bieten kein zwanghaftes Basteln von Deko für Jahreszeiten, Feiertage oder Jubiläen an, sie helfen der Küche nur, wenn das der Essensbegleitung eines Bewohners dient, und lehnen Pflegebefehle ab, weil diese dem gesetzlichen Tätigkeitsfeld nunmal widersprechen. Sie führen bei manchen Vorgesetzten zu Irritationen, weil sie unkonventionell, spontan, kreativ und vorallem nicht gekünstelt auftreten! Für sie steht die wahre Begegnung mit dem Bewohner im Fokus, die automatisch „aktiviert“ – ALLES ANDERE ist zweitrangig. Schon beim Betreten des Heims verströmen sie ein freundliches Lachen und nette Worte, hören bei der Übergabe neugierig zu, nehmen sogar zusätzlich an der Pflege-Übergabe teil, um wirklich gewappnet zu sein, was sie an diesem Tag erwartet. Es fällt ihnen leicht, in einer einzigen Schicht mehrere Bettlägrige einzeln zu betreuen, weil sie intuitiv vorgehen, spontan der Nase nach: glückliche Zufälle werden genutzt anstatt übersehen, günstige Augenblicke voll ausgekostet anstatt überfordert zu sein, weil irgendein vorgefertigter Plan im Wege steht. Sie sind innerlich gechillt, nicht nur nach außen gutgelaunt, und behandeln die Bewohner nicht wie Maschinen, die geöhlt werden müssen, sondern als Menschen, die ihre eigenen Verwandten sein könnten. Mit dieser ehrlichen empathischen Art öffnen sie Herzen und traumatisierte Seelen, so daß sich auf magische Weise ein natürliches Vertrauen entwickelt, das zu mehr Wissen und tieferem Verständnis führt. Wenn Du zu dieser Sorte Betreuer gehörst, mein Tipp: sei nicht naiv, pass auf Dich auf; denn Neid und Mißgunst sind Dir sicher, falls weder Kollegen im Team noch Dein Chef selber empathische Idealisten sind. Du bist zu anstrengend und Dein Erfolg beim scheinbar leicht gemachten Aktivieren unerwünscht. Aber genau Dich braucht die zukünftige Gewerkschaft, um das Berufsbild des Betreuers so zu verteidigen, daß der Bewohner wichtiger ist als der geduldete Versicherungsbetrug etablierter Träger.

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