FREIHEIT

Keine spirituelle Botschaft: das „verpuffte“ ICH

Seit dem Klassiker von Alan Watts „Die Illusion des Ich“ aus dem Jahre 1966 musste ein halbes Jahrhundert vergehen, bis ich Andreas Müller als Gastautor der LDL (Liga der Leeren) entdecken durfte. Was Neuropsychologen wie Chris Niebauer nie bauen können, weil da niemand ist, der überhaupt etwas bauen könnte, gelingt dem „timeless wonder“, wie Andreas sein nonduales Projekt gerne nennt, nämlich das unmögliche Paradoxon: er spielt sich NICHT als Guru auf, sondern analysiert ganz im Gegenteil auf eine elegante höfliche und nett gemeinte Art und Weise, warum „persönliche Lehren“ (also Methoden für Erleuchtungssucher) wie z.B. „Achtsamkeit“ von Ich-Personen für Ich-Personen angeboten werden, weil beide auf dieser Ebene zusammenpassen – ihr Glaube an die Erreichbarkeit des letzten spirituellen Ziels: Erleuchtung als Einheitsbewusstsein. Der Unterschied zur echten FREIHEIT, wie Herr Müller sie darstellt, ist eigentlich ganz simpel: echte Ichlosigkeit ist etwas völlig „Unpersönliches“ in dem Sinne, daß diese nonduale Wahrnehmung keine Person als inneres Zentrum besitzt, die „erwachen“ muss. Dadurch gibt es niemanden, der etwas vermisst und erreichen will, niemanden, der etwas sucht und sich getrennt fühlt vom Ganzen. Was der timeless Andy da proklamiert, ist zwar angeblich die uralte Weisheit aller Spiritualität, aber wird selten tatsächlich so nüchtern und humorvoll logisch beachtet. Stattdessen arbeiten sich Selbstsucher, Sinnsucher oder Seinssucher hart ab an diversen Techniken, die ihnen von gut meinenden Gurus beigebracht werden, aber erreichen logischerweise nie das Erwachtsein: weil da niemand ist, der es erreichen könnte! Solange JEMAND da ist, dauert der Traum des Egos an und es müht sich lebenslänglich ab, in manchen Traditionen sogar in weiteren Reinkarnationen, die es näher ans Ziel bringen sollen. Das ist im Grunde wie Hochleistungssport: immer höher, weiter und besser, auf die seelische Erkenntnis der „Wahrheit“ übertragen. Das Sympathische am Wonderandy ist seine natürliche neugierige Art, auf seine Fans einzugehen, indem er ihnen klipp und klar erklärt, warum er KEIN Guru ist und ihnen NICHTS beibringen kann:

„Das scheinbare Ich erlebt das, was scheinbar passiert, in Trennung und dadurch als ungenügend. Und so lebt es in dem Traum, ins Zweite, z.B. in den nächsten Moment oder in ein erleuchtetes Bewusstsein, erwachen zu können. Da ist aber gar nichts. [Seite 36]

Die titelgebende FREIHEIT, von der Andreas in seinem 150 Seiten starken Werk von 2017 redet, ist nämlich etwas völlig anderes als das, womit die klassischen Weisheitslehrer (wie z.B. Eckhart Tolle) ihr Geld verdienen:

„Diese Botschaft ist keine spirituelle Botschaft. […] Diese Botschaft ist der Kern aller spirituellen und esoterischen Lehren, aber solange da jemand herumtanzt, wird es zur Religion, zur Lehre, zum Konzept, zu etwas Persönlichem. Einheit wird zu etwas, das noch nicht ist, aber von jemandem erreicht werden kann. Die Mischung aus Einblick und Person schafft Spiritualität. Da sehr viele einen oder mehrere Einblicke hatten, sehr wenige aber tatsächlich verpufft sind, gibt es wahnsinnig viel Literatur zu Spiritualität, aber nur relativ wenig Literatur zu dieser Botschaft. Es gibt sie, aber nicht in der Häufigkeit wie persönliche Botschaften.“ [Seite 42]

Damit katapultiert sich Andreas Müller, oder genauer gesagt nicht die Person, sondern sein Slogan „the timeless wonder“, an die vorderste Front der transspirituellen Bewegung aus Antigurus, zu denen ich auch Pier Zellin mit seinem Nullyoga zähle. Mir scheint, es kommt doch allmählich Bewegung in die ganze Sache, denn der Wonderandy wird sogar in der Spiriszene beachtet, jedenfalls von jenen, die auch Tony Parsons zuhören, der wesentlich intellektueller und schwieriger zu verstehen ist… Was mich am meisten begeistert ist, daß sogar eine politische Dimension der Ichlosigkeit im Buch FREIHEIT angerissen wird. Ich würde mir im Angesichte all der Kriege und sonstigen egobasierten Weltprobleme wünschen, daß Andreas diesen Aspekt weiter vertieft, über den ich auf Seite 43 lese:

F: „Wenn es jetzt nur Menschen ohne ‚Ich‘ geben würde, wäre die Welt dann friedlicher?“

A: „Wahrscheinlich wäre das sogar so – allerdings, und das ist das Wichtige, nicht weil so viele Menschen bewusster wären, sondern einfach weil niemand mehr da wäre, der wahnhaft sein Glück in verschiedenen Dingen und Zuständen sucht.“

TEXTPROBEN ALS GASTAUTOR DER LDL:

https://urruhe.jimdofree.com/gastbeitraege/niemand/

5*-AMAZON-REZENSION:

https://www.amazon.de/gp/aw/review/3744840387/RVCSVP0ZF8DL6

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