ICH-ILLUSION

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über das Buch @ https://www.amazon.de/Kein-Ich-kein-Problem-Neuropsychologie/dp/3867312400/

AMYGDALA & ANATTA; oder: VOM SUBSTANTIVISCHEN ZUM VERBALISTISCHEN ICH

„In Wirklichkeit sind es hundert verschiedene Bilder, aber das Denken verbindet sie zu einer fortlaufenden Geschichte.“ (S.86)

Der amerikanische Neuropsychologe Dr. Chris Niebauer fordert den Leser in seinem Buch „KEIN ICH, KEIN PROBLEM“ (von 2019: „No Self, No Problem“) auf, sein Ich als Daumenkino zu betrachten: wie einen Fluss, „dessen Gestalt sich in ständigem Vorwärtsfließen befindet.“ (S.85) Aber das wirklich Provozierende an seinen Erläuterungen geht noch einen Schritt weiter und fragt darüber hinaus: „Wo ist das Ich, wenn niemand daran denkt?“ (S.87) Was mich verblüfft, ist daß er auf den 164 Primärtextseiten seines insgesamt nur 192 Seiten dünnen Taschenbuches über „die Illusion des Ich(s)“ mit keinem einzigen Wort den gleichnamigen Klassiker von Alan Watts aus dem Jahr 1966 erwähnt, obwohl er sogar den Bezug seiner „eigenen“ Thesen zu Zen, Buddhismus, Advaita Vedanta und Taoismus herstellt (S.17,24), was so gar nicht möglich wäre ohne den Bewusstseinspionier Alan Watts, der damals mit seinen weit über 20 Büchern und seinem gesamten Lebensengagement dafür sorgte, daß die fernöstliche Psychophilosophie der Ichlosigkeit bei „uns“, der westlichen Welt, populär werden konnte! Ich erlaube mir, aus dem Buch „Die Illusion des Ich[s]“ (das fehlende Genitiv-s beim Ich ist übrigens ein weit verbreiteter Grammatikfehler, der sich auch bei Niebauer hin und wieder willkürlich einschleicht) von Alan Watts zu zitieren: „Diese Geschichte ist im übrigen keineswegs von mir. Jeder, der Religionsgeschichte studiert, weiß, daß sie aus dem alten Indien kommt und daß sie die mythische Erklärung für die Vedanta-Philosophie ist. (…) Hat man überdies einmal die Illusion des Ich[s] durchschaut, so ist der Gedanke unmöglich, daß man aus diesem Grund besser als andere oder ihnen überlegen sei. Wohin man auch sieht, ist es stets nur das eine göttliche Selbst, das sein millionenfaches Versteckspiel treibt. (…)  Tatsache ist, daß kein Ding oder kein Merkmal dieses Universums sich vom Ganzen trennen lässt und daß deshalb das einzige wahre göttliche Ich oder göttliche Selbst das Ganze ist.“ (S.26,29,59) Auch Niebauers Erläuterungen über die Bedeutung des Raums für die Wahrnehmbarkeit von Materie wirken wie aus Watts‘ Klassiker abgeschrieben, aber Niebauers Plädoyer zum kritischen Umgang mit der „interpretierenden Instanz in der linken Hirnhälfte“ (hätte als „II i.d. LH“ abgekürzt den Umfang des Buches stark reduziert, da es unnötig oft penetrant hypnotisierend wiederholt wird) enthält ohnedies keine neue echte erkenntnistheoretische Sensation, sondern stellt ein Sammelsurium aus repräsentativen Zitaten, experimentellen Beispielen und interdisziplinären Querverweisen dar, um das alte Zen-Axiom „kein Ich, kein Problem“ (S.22) aus moderner neurowissenschaftlicher Sicht zu bewerten. Insofern erinnert mich das Buch eher an populärwissenschaftliche Artikel in Zeitgeist-Magazinen, zumal die fehlenden Abkürzungen „II“ und „LH“ für die am häufigsten verwendete Formulierung zur künstlichen Erhöhung der Seitenzahl führen. Was mich aber am allermeisten erstaunt ist, daß Niebauer noch nicht einmal die indianische Nootka-Sprache erwähnt (die schon von Alan Watts -auf Seite 98 seines Klassikers- ins Spiel gebracht wurde!), obwohl er den sprachlichen Aspekt des sich selbst denkenden Ichs mehrmals als ausschlaggebend für die abstrakte Selbstillusion betont, wenn er über „seine“ Ansicht sinniert, daß „das Ich eher einem Verb als einem Substantiv gleicht“ (S.74), aber es für das westliche Daseinsgefühl zu radikal anmutet, daß „der Denkprozess das Ich erschafft, anstatt dass es ein Ich mit einer eigenständigen, vom Denken unabhängigen Existenz gäbe. Das Ich ähnelt eher einem Verb als einem Substantiv.“ (S.17) An diesem Punkt glaubt man noch einigermaßen, er wolle tatsächlich auf die echte nonduale Ichlosigkeit hinaus, aber leider unterläuft ihm dann doch der Kardinalfehler aller Dualisten, indem er diese Ansicht esoterisch überhöht: „Wenn Bewusstsein dadurch entsteht, dass das Gehirn lediglich ein größeres Bewusstseinsfeld anzapft, und es nicht als Objekt im Gehirn existiert, dann erscheint es, genau wie unser Ich-Erleben, eher als Verb denn als Substantiv.“ (S.154) Da hilft ihm auch nicht mehr die eigentlich weise Schlussfolgerung: „Wenn dem so ist, dann sollte man die Idee vom Bewusstsein als ‚Beobachter‘, wie sie in spirituellen Kreisen verbreitet ist, treffender lediglich als ‚Beobachtung‘ begreifen.“ Denn er unterstellt damit allen Erleuchteten (also den heiligen Ich-Personen, die eine Erleuchtung wie ein Eigentum besitzen), daß sie durch eine Überidentifikation mit der rechten Hirnhälfte (S.166) eine intuitive Ebene des Seins „anzapfen“, um das Verbundenheitsgefühl eines Einheitsbewusstseins zu wecken, was dann ihr „wahres Ich“ sei (Kapitel 8 ab S.161), voller Achtsamkeit, Dankbarkeit und Mitgefühl. Dieses romantische Pseudo-Erwachen aus der Ich-Illusion empfiehlt er am Ende seines Buches zu erkunden – natürlich ohne „Kategorien, Etiketten, Überzeugungen, Gefühle“ (S.172), da das „wahre“ Ich ja „nicht in Worte zu fassen“ (S.172) sei. Mit so viel polarisierendem Etikettenschwindel hätte ich bei der Lektüre nicht gerechnet (zum Glück konnte ich nach monatelangem Warten ein leicht zerknittertes billiges Gebrauchtexemplar erwerben); denn die echte ICHLOSIGKEIT jenseits der rechten oder linken Hirnhälfte, die gar nichts mit dem reflektierten Personbewusstsein zu tun hat (und darum vom Ich weder rechts noch links verstanden geschweige denn technisch erreicht werden kann!), wird überhaupt nicht thematisiert, sondern stattdessen nur die Befreiung vom substantivischen Denken durch den Mittelweg einer verbalistischen Stille, mit der sich das Ich hin und wieder entleeren (oder besser gesagt: auftanken und vollsaugen) kann, um sein unerlöstes Selbstgespräch zu ertragen. An Niebauers Stelle würde ich mir das Zitat eines Kollegen von Alan Watts zu Herzen nehmen, das Niebauer selber kurz vor dem Ende seines Problembuches noch anbringt, ohne es allerdings auf sich selber anzuwenden: „Alle spirituellen Praktiken sind Illusionen, geschaffen von Illusionisten, um der Illusion zu entkommen.“ (Richard Alpert alias Ram Dass auf S.168) Wenn die Hinwendung zur rechten Hirnhälfte von der progressiven Neuropsychologie als spirituelle Praktik irgendwann wissenschaftlich fundiert toleriert wird (Niebauer möchte sich da gerne als Vorreiter verstanden wissen), dann ist das zwar begrüßenswert, um Meditation und Yoga therapeutisch ernst zu nehmen, aber das derart „praktizierende“ (nein, nein, nicht denkende!) Ich erschafft sich nebenbei eine neue zwanghafte Selbstillusion, die schlimmstenfalls sogar zu traumatischer Satsang-Sektiererei führt, wie sie sich nur ein narzistischer, geldgieriger Guru wünschen kann. Das Praktizieren wird dann zum Pressen: das Ich muss weg gepresst werden, koste es, was es wolle! Kein Problem, Hauptsache totale Tiefenentspannung und Einswerdung mit allem. Wer?

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